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Berliner Zeitung
Maxim Gorki Theater, Berlin
Ijoma Mangold
September 24, 1999
Der Hackblock ist ein Altar
Deutschsprachige Erstaufführung von "Schlachthaus"
im Berliner Gorki-Studio
Würden im Theater Noten für Mitarbeit vergeben, das
Maxim Gorki Theater stünde als Musterschüler da. Wo
andere Berliner Bühnen ihre Theorieambitionen pflegen oder
mit ihrem gesamtgesellschaftlichen Auftrag kokettieren, spielt
das Ensemble des Gorki Theaters sein buntes Repertoire mit dem
Pathos des totalen Schauspielengagements. Sie sind ganz bei
der Sache, nur ist nicht immer klar, ob es die Sache auch wert
ist.
Martin Kloepfer hat jetzt mit Kaite O'Reillys Drama "Schlachthaus"
auf diese gute Kampfmoral gebaut. Ihm ist es in seinem Regiedebüt
(bisher arbeitete er als Regieassistent am Gorki) geglückt,
Temperament und Physiognomie seiner Schauspieler für einen
über weite Strecken hochamüsanten, mitreißenden
und oft sehr anrührenden psychologischen Naturalismus zu
nutzen. Jede Figur kann sich als vielschichtiger und mehrdeutiger
Charakter darstellen, dabei von unprätentiöser Glaubwürdigkeit
und erfrischend unvermittelt.
Was Titel und Szenerie betrifft, scheint "Schlachthaus"
ganz Fleisch von jenem Fleische zu sein, das in der so genannten
jungen, englischen Dramatik so gerne amputiert, kasteit und
massakriert wird. Doch gibt es zwar jede Menge Messer und Beile
und einen eindrucksvollen Hackblock, aber der ist eher ein Altar.
Kaite O'Reillys "Schlachthaus" ist ein seltsames Konglomerat
aus sehr unterschiedlichen Zutaten. Es ist ein fast schon religiöses
Mysterienspiel, das von der heiligen Macht vergossenen Blutes,
von der Erbsünde und einem unbeirrbar pragmatischen Katholizismus
kündet. Es ist ein wenig Sozialromanze, weil es von der
Schlachterfamilie Rourke erzählt, die als letzte Mohikaner
gleichsam mit blutigem Idealismus gegen die Tötungstechnologie
der großen Fleischkonzerne kämpfen. Es ist aber auch
eine weitere zerfleischende Schlacht im großen hundertjährigen
Ehekrieg, der mit Strindberg begann, bei Edward Albee Ostküsten-Universitäten
heimsuchte und nun die Arbeiterklasse erreicht hat. Eine gewisse
Plot-Ratlosigkeit gegen Ende ist nicht zu übersehen (auch
die ansonsten temporeiche Inszenierung hat da ihre Durchhänger),
und doch hat sich die Geschichte schön unmerklich in ein
ironisches Melodram verwandelt.
Die Besetzung ist überaus glücklich. Manfred Meihöfer
als Bulle Rourke macht schon in seiner schieren Körperlichkeit
seinem Namen alle Ehre. Seine Frau wird von Ruth Reinecke als
Mischung aus Mutter Courage und heilige Johanna der Schlachthöfe
gegeben. Ulrich Anschütz als Onkel Skully tänzelt
wunderbar zwischen melancholischem Hochstapler- und verzweifeltem
Intrigantentum. Der Held von "Schlachthaus" aber heißt
Rory. Mit seinem karierten Hemd und dem roten Pollunder sieht
er aus wie ein verhuschter Pfadfinder, dem die umgebundene Schlachterschürze
und der Kettenhandschuh drei Nummern zu groß sind. Ausgerechnet
er, den man instinktiv eher für Isaak halten würde,
soll durch seine Schlachtkunst den Familienbetrieb retten. Andreas
Bisowski spielt diesen reinen Toren, und wenn er sich an den
Fleischerhaken selbst aufhängt und mit den Füßen
nach oben in der Luft zappelt, dann wirkt das bei ihm nicht
wie Slapstick, sondern wie das, was in der Welt des freien Falls
nun einmal passiert, wenn der Schwerpunkt der Seele aus dem
Lot gerät.
Der Tagesspiegel
September 1999
Schlachthaus von Kaite O´Reilly
Das Hackebeilchen lockt ins Berliner Gorki-Studiotheater
Der Schlachter - er ist ein Dichter. Die Worte, mit denen er
seinen Beruf preist, gehen ihm über die fleischigen Lippen
wie sprudelndes Blut. "Schlachten", so belehrt der
Meister seinen Lehrling, ist nicht nur ein Handwerk, "Schlachten
ist eine Wissenschaft", mehr noch: "Schlachten ist
eine aussterbende Kunst." Denn ein kunstfertiger Schlachter,
wie unser Mann einer ist, hat es mit einem übermächtigen
Gegner zu tun: mit den Supermärkten, die sich ihre Massenware
von Fleischfabriken anliefern lassen. Bulle Rourke, als Oberhaupt
eines Familienbetriebs auf verlorenem Posten, will den Kampf
dennoch nicht aufgeben, sondern als letzte Waffe seinen Lehrling
Rory an die Front schicken. Ein Sieg des Jungen beim alljährlichen
Schlachterwettbewerb wäre die beste Reklame für den
Alten. Rory, der blutige Anfänger, hat noch nie etwas anderes
gehandhabt als ein Essbesteck, da drückt ihm Meister Rourke
zwei lange Messer in die Hände und lässt ihn die Arme
hochreißen in einem vorweggenommenen Triumph: V - das
steht für Victory.
Einen Sieg errungen hat auch die Autorin des Stücks, das
hier im Studio des Berliner Maxim-Gorki-Theaters seine deutschsprachige
Erstaufführung erlebt: "Schlachthaus" ("Yard"),
im Oktober vorigen Jahres im Londoner Bush Theatre uraufgeführt,
brachte Kaite O'Reilly den Peggy Ramsay Award für neue
Stücke ein. O'Reilly, irischer Abstammung, aufgewachsen
in Birmingham, reiht sich in die Garde junger britischer Dramatiker
ein, die ihre Stücke in sozialer Realität grundieren,
um sie daraus monströse Blüten treiben zu lassen.
Die Tochter eines Schlachters weiß, wovon sie spricht,
und sie lässt den Helden ihres Stücks, die Vaterfigur
Bulle Rourke, denn auch mit einer Wortgewalt von seiner Sache
sprechen, die Handwerksregeln mit den Regeln der Kunst unter
einen Hut bringt. Wie man ein Rind, ein Schwein, ein Schaf tranchiert,
was "Präzisionstöten" heißt, darüber
verbreitet sich Meister Rourke ebenso gern wie über das
Leben schlechthin, das naturgemäß ein Schlachten
ist, ein Kampf um Leben und Tod - im Beruf wie in Ehe und Familie.
Ein Schlachtraum, hell gekachelt, mit Hackblock, Ausguss, Wasserschlauch,
mit Flaschenzug, Abfallbottich, einer Batterie von Messern und
einem Kühlschrank, so groß wie eine Abstellkammer:
Das Theater bedankt sich bei zwei Fleischereibetrieben für
sachgemäße Hilfe bei der Ausstattung seiner Bühne.
Ein Waffenarsenal, das, über den Umgang mit dem Schlachtvieh
hinaus, auch anderweitig gute Dienste leistet: Mutter Rourke
geht ihrer schlechteren Hälfte mit dem Messer an die Gurgel,
und der Gatte selbst hängt seinen Bruder, als wär's
eine Schweinehälfte, an den Flaschenzug - zur Strafe dafür,
dass der faule Hund seinen Liebling, einen dreibeinigen Esel,
an den Tierschutzverein verhökert hat. Kann es mit diesem
Familienbetrieb ein gutes Ende nehmen? Es ist Rory, der Auszubildende,
der in einer Kampfpause zu bedenken gibt, doch einmal vorn im
Laden nach eventuell wartenden Kunden auszuschauen ...
Martin Kloepfer, Jahrgang 1971, ausgebildet als Bühnenbildner,
feiert mit dieser Inszenierung sein Regiedebüt. Er hat
das Schlachtfest temperamentvoll angerichtet, lässt es
munter beginnen mit dem überdrehten Optimismus des Meisters
und in Trübsal enden mit der Rückkehr des Lehrlings
vom Schlachterwettbewerb, im Arm ein sterbendes Lamm. Dazwischen
gibt's hier und da kleine Längen, die ein erfahrener Regisseur
vermieden hätte: Monologe, mit denen sich die Autorin unnütz
anstrengt, den Lebenshintergrund ihrer Figuren zu vertiefen,
oder Passagen, die sträwkcür, also rückwärts
zu sprechen sind, was jedoch nur der Leser, nicht der Zuschauer
begreift. Was Kaite O'Reilly damit beabsichtigt, bleibt ohnehin
dunkel - vielleicht einen Anklang an das Gälisch ihrer
irischen Provenienz, eine Sprache, so "aussterbend"
wie die Kunst der Schlachterei. Was tut's, die Aufführung
hat Erfolg trotz dieser Handicaps. Dank nämlich eines Ensembles,
das sich tollkühn aufs Schlachtfeld wagt: Manfred Meihöfer
macht dem Vornamen seines Bulle Rourke alle Ehre, ein Kraftprotz,
der zugleich als Träumer, als zartbesaiteter Poet des Skelettierens,
Tranchierens, Filetierens für sich einnimmt, während
Andreas Bisowski als Rory dazu die amüsante Kontrastfigur
abgibt, ein bebrillter Studiosus, der Fleischeslust allenfalls
beim Blick auf Rourkes Tochter Finoulla empfindet. Katja Zinsmeister
gibt dieser jungen, infolge einer Vergewaltigung schwangeren
Frau einen Ernst, der sie in dieser Familie zu einer Ausnahmeerscheinung
macht. Denn um Mutter Breda und Onkel Skully, Ruth Reinecke
und Ulrich Anschütz, wird man sich keine Sorgen zu machen
brauchen - allen Hackebeilchen zum Trotz sind sie ewige Stehauffrauchen
und - männchen auf dem Schlachtfeld des Lebens.
Günther Grack
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